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Bei der Festlegung von Schul- und Ausbildungszeiten müssen widersprüchliche Anforderungen bedacht werden.

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Im vergangenen Jahrhundert wurde die Schulzeit kontinuierlich verlängert, um genügend Zeit für das Erreichen eines immer höheren Ausbildungsniveaus zur Verfügung zu stellen. Die Ansprüche an Allgemeinbildung und Spezialwissen steigen weiterhin. Darüberhinaus ist die klassische Idee von Bildung vom Gedanken der Nützlichkeit zu trennen.

Die Finanzierung unserer alternden Bevölkerung wird auf immer weniger Erwerbstätige verteilt. Eine Verkürzung von Schul- und Ausbildungszeiten erlaubt umgekehrt eine Verlängerung der Erwerbszeit und gilt als ökonomisch vorteilhaft. Um im weltweiten Wettbewerb zu bestehen, können vergleichbare Schul- und Ausbildungszeiten bedeutsam sein.

In den meisten Bundesländern ist in den letzten Jahren G8 eingeführt worden. Wissenschaftler untersuchen die Auswirkungen der Schulzeitverkürzung auf die betroffenen Schüler. Etliche der Studien werden wegen methodischer Probleme kritisiert. Die Ergebnisse sind teilweise widersprüchlich. Die Quellen stellen nur einen kleinen Ausschnitt der G8/G9-Analyse und -Debatte dar. Sie sind am unteren Ende der Seite aufgelistet. Der Zusammenhang beobachteter Veränderungen mit der Einführung von G8 kann nur vermutet werden – die Auswirkung anderer Änderungen im Leben der Schüler lassen sich nur schwer von denen der Schulzeitverkürzung trennen. Zu den Einflussfaktoren gehören neue Lehrpläne, neue Oberstufenstrukturen, der Wandel von der Wissensvermittlung zur fachlichen Kompetenzorientierung, ein Trend zur individuellen Schwerpunktsetzung, die zunehmende Betonung personaler und methodischer Kompetenzen, eine neue Vielfalt bei der Lehr- und Lernmethodik, erweiterter Raum für Kreativität und Investitionen in Integration und Inklusion.

Veränderungen von Leistung unter G8

– Studie: Die Leistungen in Mathematik werden schlechter (Quelle: B2013)
– Studie: Die Leistungen in Mathematik bleiben gleich (Quellen: D2013, H2012, H2013)
– Studie: Die Leistungen in Deutsch bleiben gleich (Quelle: B2013)
– Studie: Die Leistungen im Lesen werden besser (Quelle: H2012)
– Studie: Der Bedarf an Nachhilfe wächst (Quelle: C2010)
– Studie: Die Hausaufgabenmoral wird schlechter (Quelle: M2016)
– Studie: Es gibt keine Auswirkungen auf Studierfähigkeit, Studienmo­ti­va­tion und Abbruchwahrscheinlichkeit (Quelle: K2014B, M2013)
– Veröffentlichung: Deutsche Abiturienten verfügten möglicherweise über einen wichtigen Qualifikations­vor­sprung (besonders bei den Fremdsprachen) im Vergleich zum westlichen Ausland. Dieser könnte unter G8 verloren gehen. (Quelle: G2017)
– Veröffentlichung: Die Studierfähigkeit war unter G9 möglicherweise besser, da mehr Zeit für Wiederholung, Vertiefung, Durchdringung und Auslandsaufenthalte zur Verfügung stand. (Quelle: G2017)

Veränderungen von Persönlichkeitsentwicklung unter G8

– Studie: Schüler sind extrovertierter (Kinder arbeitender Mütter aber introvertierter) (Quelle: D2014)
– Studie: Schüler in Westdeutschland sind umgänglicher (Quelle: D2014)
– Studie: Schüler aus Migrantenfamilien sind pflichtbewusster (Quelle: D2014)
– Studie: Es gibt keine Veränderung in der Persönlichkeitsentwicklung (Quelle: B2011)
– Veröffentlichung: Durch G8 fallen Erwachsenwerden und Reifeprüfung zusammen, unter G9 werden erwachsene Schüler infantilisiert (Quelle: H2016)
– Veröffentlichung: Das gewonnene Jahr kann für die Persönlichkeitsentwicklung genutzt werden (Quelle: H2016)
– Veröffentlichung: Die Abiturienten unter G8 sind durch ihr junges Alter mit Zukunftsentscheidungen überfordert (Quelle: H2016)
– Veröffentlichung: Schüler unter G9 hatten mehr Zeit für die Persönlichkeitsbildung während der Schuljahre (Quelle: H2016)

Veränderungen des Gesundheitszustands unter G8

– Studie: Das Freizeitverhalten ändert sich nicht (Quelle: H2013B)
– Studie: Die empfundene Stress ändert sich nicht (Quelle: M2016B)
– Studie: Der empfundene Stress nimmt zu (Quelle: Q2015)
– Studie: Das Gefühl der Überlastung nimmt zu (Quelle: K2014)
– Studie: Das Gefühl von Wohlbefinden nimmt zu (Quelle: Q2015)

Veränderungen der Strukturen unter G8

– Studie: Das Alter deutscher Abiturienten gleicht sich anderen westlichen Industrienationen an (Quelle: H2015)
– Studie: Weibliche Abiturienten zögern den Studienbeginn hinaus (Quelle: M2012, B2013)
– Studie: Männliche Abiturienten wählen weniger Studienfächer in Naturwissenschaften und Mathematik (Quelle: M2012)
– Studie: Durch einen hohen Anstieg von Klassenwiederholungen in der Oberstufe sinkt das Alter der Abiturienten nur um durchschnittlich 10 statt 12 Monate (Quelle: H2015)
– Studie: Die Anzahl der Abiturienten ist unter G8 unverändert (Quelle: H2015)
– Veröffentlichung: Das deutsche G8 ist mit dem G8 im Ausland nicht zu vergleichen, da jenes oft ein niedrigeres Niveau hat bzw. um eine weitere Vorbereitung für ein Studium zu ergänzen ist (Quelle: K2013)
– Veröffentlichung: Unter G8 ist der Wechsel aus anderen Schulformen erschwert (Quelle: K2013)

Effekte von Schulzeitverlängerung

Jeder Wechsel der Schulzeitlänge hat finanzielle, strukturelle und personenbezogene Effekte, z.B.
– die Einführung neuer Schulbücher,
– die Erarbeitung neuer Lehrpläne,
– Änderungen der tageszeitlichen Abläufe,
– Verschiebungen in der Verteilung der Gesamtstundenzahl auf die Fachstunden,
– unterschiedlich lange Belegung der Schulgebäude pro Schüler,
– unterschiedliche Jahrgangsstärken (kürzere Schulzeiten lassen mehr Parallelklassen pro Jahrgang zu, was wiederum Auswirkungen auf Wechsel- und Wahlmöglichkeiten haben kann),
– usw.

Gesundheitliche Risiken bei Schülern und Lehrkräften

Einzelne Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass nicht die Dauer der Schulzeit, sondern schulorganisatorische und situative Bedingungen an einzelnen Schulen ausschlaggebend für die (zu große) Beanspruchung von Schülern und Lehrern sind (Quelle: B2002). Schüler empfinden als besonders belastend
– hohen Leistungsdruck und eigenes Anspruchsdenken,
– wenig engagierte Lehrer,
– ein negatives Schulklima,
– zu viele Hausaufgaben bzw. ein zu großes Lernpensum und
– die Sorge vor Zensuren.

Dagegen spielen beim Belastungserleben von Lehrkräften v.a. eine Rolle
– persönliche und familiäre Konstellationen,
– die Doppelbelastung durch Beruf und Familie,
– ein negatives Schulklima,
– lange häusliche Arbeitszeiten und
– Probleme im Schulalltag.

Einigen Wissenschaftlern erschien der gesundheitliche Zustand der Gymnasiasten und ihrer Lehrkräfte in allen untersuchten Klassenstufen und Schulformen (unabhängig von der Schulzeitlänge) durchgehend sehr beeinträchtigt. Sie fordern Mediziner, Pädagogen und Politiker auf, Strategien zum Gesundheitserhalt der Betroffenen zu entwickeln. (Quelle: M2010)

Stellungnahmen und Pressemitteilungen der LEV Gymnasien zum Thema G8/G9 finden Sie hier:

Pressemitteilung vom Februar 2017
Pressemitteilung vom Januar 2017
– Zweite Pressemitteilung vom Janaur 2017
Pressemitteilung vom April 2016
Stellungnahme vom September 2015

Quellen

B2002: O. Böhm-Kasper, H. Weishaupt: „Belastung und Beanspruchung von Lehrern und Schülern am Gymnasium“, Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 2002
B2011: B. Büttner, H. Thiel, S. Thomsen: „Variation of learning intensity in late adolescence and the impact on noncognitive skills“, 2011
B2013: B. Büttner, S. Thomsen: „Are we spending too many years in school? Causal Evidence of the impact of shortening secondary school duration”, German Economic Review 16(1), 2013)
C2010: B. Cleuvers: „FiBS-Umfrage unter Nachhilfeanbietern: G8 steigert die Nachfrage nach Nachhilfe“, Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS), idw, 2010)
D2013: K. Derr, R. Hübl, Z. Ahmed: „Online-Eingangstests und Lernmaterialien zur Studienvorbereitung Mathematik in den Ingenieurwissenschaften“, khdm-Report, Nr. 1, 2013 
D2014: S. Dahmann, S. Anger: „The Impact of Education on Personality: Evidence from a German High School Reform“, IZA DP No. 8139, April 2014
G2017: P. Guyton, T. Block: „Turbo-Abitur: Der große Flickenteppich“, Südwest Presse, 20.1.2017
H2012: Homuth: „Der Einfluss des achtjährigen Gymnasiums auf den Kompetenzerwerb“, Working Paper, Otto-Friedrich-Universität Bamberg, 2012
H2013: Hoppenbrock, S. Schreiber, R. Göller, R. Biehler, B. Büchler, R. HJochmuth, H-G. Rück: „Mathematik im Übergang Schule/Hochschule und im ersten Studienjahr“, extended abstracts zur 2. Khdm Arbeitstagung, 2013
H2013B: A. Hille, A. Arnold, J. Schupp: „Freizeitverhalten Jugendlicher: Bildungsorientierte Aktivitäten spielen eine immer größere Rolle“, DIW Wochenbericht, No. 40, Berlin, 2013
H2015: M. Huebener, J. Marcus: „Auswirkungen der G8-Schulzeitverkürzung: Erhöhte Zahl von Klassenwiederholungen, aber jüngere und nicht weniger Abiturienten“, DIW Wochenbericht Nr. 18.2015
H2016: M. Hartung, C. Siemes: „G8 gegen G9“, ZEIT ONLINE, 27. Oktober 2016
K2013: S. Kühn, I. van Ackeren, G. Bellenberg, C. Reintjes, G. im Brahm: „Wie viele Schuljahre bis zum Abitur? Eine multiperspektivische Standortbestimmung im Kontext der aktuellen Schulzeitdebatte“, Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 16, 2013
K2014: K. Klemm: „Expertise zur Diskussion um die Dauer der gymnasialen Schulzeit in Bayern“, Essen, 2014
K2014B: S. Kühn: „Sind 12 Schuljahre ausreichend für den Zugang zur Hochschule? Der doppelte Abiturjahrgang aus empirischer Perspektive“, Beiträge zur Hochschulforschung, 36. Jahrgang, 3/2014
M2010: A. Milde-Busch, A. Blaschek, I. Borggräfe, R. von Kries, A. Straube, F. Heinen: „Besteht ein Zusammenhang zwischen der verkürzten Gymnasialzeit und Kopfschmerzen und gesundheitlichen Belastungen bei Schülern im Jugendalter?“, 2010
M2012: T. Meyer, S. Thomsen: „How important is secondary school duration for post-school education decisions? Evidence from a natural experiment”, NIW Hannover, 2012
M2013: T. Meyer, S. Thomsen: “Are 12 years of schooling sufficient preparation for university education? Evidence from the reform of secondary school duration in Germany”, NIW Discussion Paper No 8, 2013/2014
M2016: H.-P. Meidinger: „Abschied vom G8“, Leitartikel gib, 2016
M2016B: M. Minkley, M. Rest, S. Terstegen, W. Kirchner, O. Wolf: „Mehr Stress durch G8? Akute und chronische Stressbelatsung von Abiturienten mit regulärer und verkürzter Gymnasialzeit“, Bochum, 2016
Q2015:  J. Quis: „Does higher leraning intensity affect student well-being? Evidence from the National Educational Panel study“, Bamberg, Working Paper No 94, 2015

Zum Weiterlesen auch: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V.: „DIW Roundup – Empirische Befunde zu Auswirkungen der G8-Schulzeitverkürzung“, 2015